Ausgabe 02/2006
Das Eine – Selbst – Nichtselbst
Zusammenfassung: Sowohl in der Psychologie als auch der Philosophie gibt es unterschiedliche Konzepte, die hinter der Begrifflichkeit des „Selbst“ stehen. Wenn ein menschliches Lebewesen entsteht und heranwächst, entwickelt es ein Selbst-Bewusstsein, das versucht, dem Ich eine Besonderheit zu geben, so dass es sich aus der Masse „all der anderen“ heraushebt. Aber diese Selbst-Konstrukte werden im Mahayana-Buddhismus abgelehnt: Das Konzept des anâtman (sanskrit; Nicht-Selbst, Nicht-Ich, Nicht-Seele) grenzt sich deutlich vom hinduistischen Konzept des âtman (sanskrit; Atem, Seele, Selbst) ab. Die dualistische Vorstellung von einem wirklich existierenden „Selbst“ als illusorisch zu durchschauen gilt als einer der Schritte auf dem buddhistischen Weg der Befreiung vom Leid. Wenn es aber kein „vererbbares“ Selbst gibt, dann kann der Mensch auch als zufällig belebte Biomasse angesehen werden, der sich alle Freiheiten herausnehmen kann. Dem gegenüber steht die Vorstellung eines transzendenten „Einen“ (höheres Sein, Brahman, Gott etc.), aus dem alle Erscheinungsformen hervorgegangen sind und wieder zurückkehren und das alles Seiende miteinander verbindet. Die verschiedenen Erklärungsansätze der unterschiedlichen mystischen/religiösen Traditionen verweisen letztendlich aber auf eine Wahrheit, die mit Begriffen nicht beschreibbar, sondern nur mystisch erlebbar ist, wie es auch der Neu-Platoniker Plotin anmerkte.
Schlüsselwörter: Selbstbewusstsein, Selbst und Nicht-Selbst, Mystik, Religion

