Ausgabe 02/2004
Editorial
Im Mai dieses Jahres haben die beiden akademischen Vereinigungen, die sich mit Transpersonaler Psychologie (DKTP) und Meditation und deren Erforschung (SMMR) beschäftigen, im Kölner Gürzenich zum ersten Mal gemeinsam getagt. H. Piron, der auch Redaktionsmitglied unserer Zeitschrift ist, hat diesen sehr gelungenen Kongress im Auftrag des jeweiligen Vorstands fast im Alleingang organisiert.
Die Artikel von C. Eurich, Chr. Hackbarth, U. Regel, H. Reich und R. Wahsner entstanden aus Vorträgen auf dieser Tagung. Dabei definierte Eurich „spirituelle Wissenschaft“ grundsätzlich und mutig anders als es sonst auf solchen Kongressen üblich ist. Und H. Reich, dessen Forschungsinteresse der kindlichen Spiritualität gilt. Berichtet, dass Spiritualität gewissermaßen in Kindern angelegt ist; man braucht sie nicht zu lehren, sondern nur ihre Entwicklung fördernd begleiten.
Die drei anderen beschäftigen sich mit spirituellen Traditionen, Wahsner mit Hinduismus, Regel mit tibetischem Buddhismus, und Hackbarth erzählt von den inneren Kämpfen, die der Benediktiner und Sannyasis Henri Le Saux – Vorgänger von Father Bede Griffith in der Leitung des Ashrams Shantivanam in Indien – im Spannungsfeld zwischen Hinduismus und Christentum austrug. Dabei ist viel vom „Selbst“ die Rede, das im Hinduismus innerster Kern der Person (Atman) und wesensgleich ist mit dem Göttlichen (Brahman), während man im Buddhismus ein separates Selbst als Illusion betrachtet. Dass das Selbst hier von mehreren Seiten beleuchtet wurde, traf sich gut. Im vorigen Heft war ein Artikel von S. Essen, erschienen, in dem er eine bewegende Begegnung von Ich und Selbst schilderte. Einige Leser, die mit der Terminologie der Transpersonalen Psychologie noch nicht sehr vertraut sind, hat das verwirrt. So seien hier noch einige Bemerkungen zu dem Begriff des Selbst erlaubt.
Wenn ein kleines Kind anfängt, „selber machen“ zu wollen, ist das ein großer Entwicklungsschritt, auch wenn dabei der Spinat überall sonst wo nur nicht im Mund des Kindes landet. Das Kind beginnt, sich als eigenständiges, von anderen getrenntes Wesen zu erleben, das in seiner Umgebung etwas bewirken kann. Und je nachdem wie dieses Erleben gefördert oder behindert wird, entwickelt sich dann das kindliche Selbstbild und Selbstwertgefühl. Fügt man dann noch ein gewisses Bewusstsein von Kontinuität hinzu, das Wissen, dass ich gestern, heute und morgen der- dieselbe bin, sind damit bereits die wesentlichen Elemente des Selbst definiert, wie es in der herkömmlichen Psychologie und auch im modernen Sprachgebrauch verstanden wird.
In der Psychotherapie wurde zunächst das Wort „Selbst“ kaum benutzt. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aber hat es Hochkonjunktur bei unkonventionellen Freudianern wie etwa Horney, Fromm, Winnicott, in der Humanistischen Psychologie bei Maslow, Rogers, Perls, in der Selbstpsychologie Kohuts und vielen anderen mehr. Auch die moderne Ichentwicklungs- und Objektbeziehungstheorie (Jacobsen, Kernberg) blieb nicht unbeeinflusst. Es ist von Selbsterfahrung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung die Rede und auch vom wahren und falschen Selbst. Ganz pauschal gesprochen geht es darum, sich von Zwängen und Konventionen zu befreien, um „zu sich selbst“ zu kommen, das heißt zur eigenen Lebendigkeit, zu gesundem Selbstwertgefühl, zu Wachstumsfähigkeit und Kreativität. Dass dabei auch Probleme auftauchen, ist mittlerweile bekannt. Hier ist jedoch vor allem wichtig: dieses Selbst ist diesseitig und personal.
Die Transpersonale Psychologie strebt danach, eine Brücke zwischen den spirituellen Traditionen und ihren Übungswegen auf der einen Seite und den psychologischen und psychotherapeutischen Schulen auf der anderen zu bauen. So wird hier das personale Selbst oft als das kleine bezeichnet. Das große oder höhere Selbst dagegen ist für die Jungianerin Marie-Louise von Franz und anderen nach ihr „der innerste Kern der Person und umfasst zugleich den ganzen Kosmos“. Das entspricht weitgehend dem hinduistischen Atman oder auch dem „Funken Gottes in uns“ des christliche Mystikers Meister Eckart oder der „Buddhanatur“. Die Beziehung zwischen persönlichem und höherem Selbst fasst Assagioli besonders schön. „Das persönliche Selbst ist das Spiegelbild des höheren Selbst; es ist mit anderen Worten eine Projektion oder Reflektion des transpersonalen Selbst auf der alltäglichen Ebene des „normalen“ Menschen. Es scheint keine eigene Existenz zu haben, aber in Tat und Wahrheit hat es keine autonome Substanz. Es ist kein neues und anderes Licht, sondern eine Projektion seiner leuchtenden Quelle.“ Dieser „leuchtenden Quelle“ sich anzunähern, ist das Ziel der Mystiker auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten. Es war auch das Ziel des kleinen Ich/Selbst in dem Artikel von Essen.
In einem weiteren Artikel führt K.-K. Madert ein Thema ein, das bestimmt lohnt, sich weiter damit zu beschäftigen: Die Energie des Lebendigen. Und schließlich kam endlich wieder einmal ein Leserbrief. M. Lang kritisierte darin am letzten Heft, in dem es um Spiritualität und Ethik ging, das Eurich und andere sich nur auf die Individualethik begrenzten. Er wurde umgehend um einen Artikel über die gesellschaftliche Ethik gebeten.
Für dieses Heft sind Ulla Pfluger-Heist und Edith Zundel verantwortlich. Wir wünschen unseren Lesern eine angenehme Lektüre.
Edith Zundel

